C. Funke: Tintenwelt-Trilogie

Wörter und Stimmen, die in der richtigen Kombination des gelesenen Wortes alles bewegen, verändern und erschaffen können: den Ausgang der Geschichte oder – wenn es etwas dramatischer wird – Leben und Tod. Mittendrin ein junges Mädchen namens Meggie, die sich nicht bewusst ist, welche Gabe sie besitzt und was ihr Vater mit dem Verschwinden ihrer Mutter zu tun hat.

Funke

Fiktion in der realen Welt

Was wäre, wenn Präsident Snow aus „Die Tribute von Panem“ vor uns stehen würde? Oder Huckleberry Finn? Oder Momo mit ihrer Schildkröte? Während wir bei ersterem noch Angst verspüren würden, wären wir bei den Kindern wahrscheinlich erst einmal nur erstaunt über ihr Auftauchen. In Tintenherz wird das Motiv des Überschreitens von Realitätsgrenzen mehrmals gebraucht. Zu Beginn liest Mortimer, Meggies Vater, zwei Bösewichte (Capricorn und Basta) und einen Feuerspucker samt seinem Marder aus „Tintenherz“. Das Buch im Buch – sicher nicht das erste Mal, dass dieses Motiv zum Einsatz kommt, denken wir beispielsweise an Michael Endes „Die unendliche Geschichte“. Doch damit beginnt alles Übel. Denn als Dank dafür, dass die drei fiktiven Personen aus dem Buch kommen, verschlingt die Literatur Meggies Mutter. Was für eine Tragödie!

Aber als eine solche Tragödie wird es erst einmal gar nicht geschildert: Mo fühlt sich schuldig, hat das laute Vorlesen aufgegeben, Meggie hat nach Jahren des Unglücks immer noch keine Ahnung vom eigentlichen Vorfall, genauso wenig wie Elinor, eine Verwandte mütterlicherseits. Dass die Vergangenheit einen immer einholen kann, wird aber auch Mortimer, kurz Mo genannt, nur allzu deutlich: „Wie geht es dir, Zauberzunge?“, fragte er. „Ist lange her.“ Mo ergriff zögernd die Hand. „Sehr lange“, sagte er und blickte dabei an seinem Besucher vorbei, als erwarte er, hinter ihm noch eine andere Gestalt aus der Nacht auftauchen zu sehen.“ (Tintenherz, S. 13).

Ein regelrechtes Hin und Her beginnt, Flucht, Angst, Hoffen und Bangen wechseln sich ab. Zentraler Gegenstand: die Stimme, die Welten überschreiten lassen kann. Und dann endlich: Geschafft! Ach wirklich? – Nein, so einfach ist es dann doch nicht, muss die Geschichte doch für alle drei Bände der Triologie geschaffen werden. In der realen Welt genug erzählt? Kein Problem, wechseln wir in die fiktive, eben in das Buch selbst.

Die Namen und ihre Träger

Das Wort „Basta“ ist im umgangssprachlichen Gebrauch bekannt und wohl am besten mit „So ist es, keine Widerrede“ zu beschreiben. Hier bekommt ein Gehilfe des Bösewichts Capricorn diesen Begriff zugewiesen – als Namen. Gut getroffen, genau wie die Natter, ein weiterer Bösewicht und sicherlich eine falsche Schlange. Dass auch noch der Name des griechischen Dichters Orpheus hinzukommt, lässt Schlussfolgerungen auf die Figur und ihren Charakter zu. Funke positioniert somit – für den Leser unterbewusst – die Figuren und unterstreicht mit der Namensgebung ihre Eigenschaften und Persönlichkeiten.

Von Spielleuten, Nachtmahren und Königen

Mittendrin in dem ganzen Geschehen der Autor von „Tintenherz“, dem Buch im Buch, namens Fenoglio. Der alte Mann ist besessen und fasziniert von seinen Figuren. Man könnte es auch Selbstverliebtheit und abgöttische Verehrung nennen. Zwischendrin kommt auch Naivität dazu, hat Fenoglio nicht einmal Angst vor seinen erschaffenen Bösewichten. Er fühlt sich gottähnlich innerhalb seiner fiktiven Welt, doch leider klappt das Erschaffen nicht immer so, wie er das gerne hätte. Und ganz alleine schafft er das auch nicht, benötigt es dazu doch immer eine Stimme. Stimme und Worte. Sie bilden das Geflecht, mit dessen Kombination man nur die vollkommene Wirkung erzielen kann. Aber das ist nur ein minimales Problem, befinden sich Meggie und ihr Vater doch auch in „Tintenherz“. Das wahre Problem: Jede der Figuren verfolgt ihr eigenes Ziel.

Staubfinger ist endlich wieder in seiner Geschichte. Meggie ist, genau wie ihr Vater, fasziniert von der Tintenwelt. Fenoglio ist überglücklich, manchmal auch am Boden zerstört. Elinor vermisst in der realen Welt ihre Verwandten – und das trotz ihrer eigentlichen Kinder, den Büchern. Dann wären da noch zwei Könige, verbunden durch eine Heirat. Ein guter und ein böser, versteht sich. Denn das macht schließlich die Geschichte aus: das Gute gegen das Böse – und das, was zwischendrin ist und sich erst im Laufe der Handlung positioniert. Bei manchen Figuren ist man sich zuerst nicht sicher, auf welcher Seite sie eigentlichen stehen, doch das wirkt sich wohl auch positiv auf den Spannungsbogen aus.

Dann hat Fenoglio den alles entscheidenden Einfall: einen Haupträuber, genannt Eichelhäher. Nur dumm, dass er sich für dessen Beschreibung ausgerechnet Mo zum Vorbild genommen hat. Nun wird er also der Robin Hood-ähnliche Räuber, der in Wäldern haust und ein Freund des armen und normalen Volkes ist. Und so wird er zum Held des Volkes und der Herzen. Und zum Mörder. Doch das gehört auch wieder dazu, zu einem richtigen Räuber. Oder?

Schließlich endet das Ganze in einer Frage nach dem Leben, Vergänglichkeit und vielleicht sogar der Frage nach dem Sinn des Lebens und einem sinnvollen Gebrauch der Lebenszeit. Es geht um Leben und Tod – in mehrfacher Hinsicht. Und dann ist es da, das Ende. So plötzlich, als wolle die Autorin die Geschichte nicht weiterspinnen, die sie in den beiden ersten Bänden so verzweigt aufgebaut hat. Und eigentlich ist man froh, dass es endlich aufhört, das Elend, das zum Ende hin einfach nur grausam und lang gezogen wird.

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Die Autorin

Ausgezeichnet mit unzähligen Preisen ist Cornelia Funke keine Unbekannte mehr in der Kinder- und Jugendliteraturszene. Ihre Bücher reichen von Kurzgeschichten bis zu Triologien, Beispiele sind „Der Herr der Diebe“ (2005), „Die Wilden Hühner“-Reihe (ab 2006) oder die Reckless-Triologie. Das Agieren von Figuren in zwei verschiedenen Welten ist normal, Fabelwesen sind bei ihr häufig zu finden. Viele ihrer Werke wurden bereits verfilmt.

Gut gemeint, aber zu lange

Eines muss man ihr lassen: fesseln kann sie, mit ihren Worten, so gut gewählt, als würde man selbst in der Welt stecken, die einem hier präsentiert wird. Man hofft, ist verärgert und wütend. Dadurch ist auch der Lesefluss gegeben, der den Rezipienten immer mehr in das Geschehen hineinzerrt. Die Bösewichte agieren gut, sind nicht flach gestaltet. Funke entwickelt Hintergründe, schafft Zusammenhänge und Handlungstatbestände. Kaum ist einer der Bösewichte gestorben, taucht ein anderer auf, manchmal ist er auch schon da und entwickelt sich nur weiter. Doch zum Schluss hin wird es fade. Das, was da geschildert wird, wird eklig und brutaler. Die Handlung zieht sich und hört so abrupt auf, als wäre nun alles gesagt. Ob das Ende gefällt? – Nein, nicht wirklich. Wieso sollte ein bis dahin Gefühlloser plötzlich Mitleid zeigen? Viele Fragen bleiben offen, das Fiktive wird real. Und doch besteht immer noch eine Hoffnung und Sehnsucht nach der realen Welt, die aufgrund des Handlungsortes schon fast vollkommen in den Hintergrund gedrängt wird. Reale Figuren haben plötzlich fiktive Probleme: Hätten sie überhaupt eine Chance, in der realen Welt zu leben? Oder müssen sie aufgrund getroffener Entscheidungen den Gesetzen der Worte folgen? Wieso werden Worte nicht eingesetzt, damit am Ende alles gut wird? Hier wird es unlogisch. Die richtigen Worte vermögen alles, das hat man gelernt. Doch nicht immer erwachen sie auch zum Leben und berühren Menschen. So auch nicht die Schlussworte.

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