G. Flynn: Gone Girl

Eine Ehe, deren Funktionalität sich auf Routine eingestellt hat. Ein Mann, der die Opferrolle spielt. Eine Frau, die die perfekte weibliche Hauptfigur abgibt. Und ein Plot, der mit unerwarteten Wendungen daherkommt – und am Ende fragen lässt, ob das Böse wirklich am Schluss bestehen bleiben soll.

Nick und Amy Dunne sind ein verheiratetes Paar und führen mittlerweile eine Ehe, die größtenteils aus Routine und Kriseleien besteht. Von New York, der Big City, ziehen sie nach Nicks Jobverlust (er arbeitete als Journalist) in ein kleines Städtchen, in dem der Ehemann mit seiner Schwester Go eine Bar eröffnet und führt. Und das mit dem Geld aus Amys Treunhandfond. Denn im Gegensatz zu Nick ist Amy reich. Benannt nach der Hauptfigur der Buchreihe, die ihren Eltern, den Auoren, zu Ruhm geführt hat, ist sie die perfekte Frau.

Eines Tages dann die schreckliche Nachricht: Amy ist verschwunden, ein Zimmer der gemeinsamen Wohnung ist verwüstet. Ihre Leiche wird nicht gefunden. Was liegt also näher, als dass ihr Ehemann sie umgebracht hat? Dabei war Amy, doch immer perfekt. Freundlich und höflich zu anderen. Gutaussehend. Nett.

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Figuren, denen man nicht trauen kann

Flynn entwirft von beiden Figuren zuerst ein positives Bild. Amy wird zum positiven Handlungsträgerin, mit welcher der Leser Mitleid hat. Unbewusst zieht diese Figur die Leser auf ihre Seite. Das geschieht vor allem dadurch, dass Nick immer zweifelhafter wird:

„Damit hatte ich die Polizei zum fünften Mal belogen. Und ich fing gerade erst an.“
(Flynn, G.: Gone Girl. Das perfekte Opfer. Frankfurt am Main 2014, S. 57.)

Schnell ordnet man den Ehemann in die Kategorie Lügner ein, später sogar in die des Fremdgehers. Was zuerst außen vor bleibt ist der Charakter Amys. Dieser wird fast ausschließlich aus Tagebucheinträgen geformt, die sie selbst verfasst. Und auch diese Gestaltung des Romans lässt eine Beurteilung der Figuren durch den Leser zu, denn Flynn lässt sowohl Nick als auch Amy zur Sprache kommen – und das in abwechselnden Kapiteln.

Erst im zweiten Teil des Buches – dieses besteht insgesamt aus drei – wird gleich zu Beginn klar, dass Amy nicht das ist, was sie vogibt zu sein. Es eröffnet sich ein zwiegespaltener Charakter, eine Figur, die ihrem Buch-Vorbild gleich und dennoch verschieden sein will, bösartig, soziopathisch und schizophren ist. Passend dazu wählt Flynn Amys Beruf: Sie entwirft Persönlichkeitstests. In Kombination mit Amys Charakter bildet sich hier eine Frau heraus, die versucht, den Charakter anderer einzuordnen, dabei aber selbst psychologische Hilfe dringend nötig hätte.

„Sicher, es ist verlockend, Cool Girl zu sein. Für eine Frau wie mich, die Niederlagen hasst, ist es verlockend, das Mädchen zu sein, das alle Männer wollen. Als ich Nick kennengelernt habe, wusste ich sofort, dass er sich ein Cool Girl wünschte, und ich glaube, für ihn war ich bereit, es zu versuchen. Ich nehme meinen Teil der Verantwortung auf mich.“
(Flynn, G.: Gone Girl. Das perfekte Opfer. Frankfurt am Main 2014, S. 313.)

Trotz aller Abgrundtiefe lauten immer wieder Fragen auf, die dem Leser zum Nachdenken bringen können, wie beispielsweise das oben genannte Zitat zeigt. Die Veränderung einer Person allein aus dem Grund, damit das Gegenüber sie mag, das Zeigen des wahren Ichs, die äußerliche Wahrnehmung einer Person im Gegensatz zu ihrer inneren Verfassung usw.

Einer guter Psychothriller?

Gillian Flynn kreiert eine Geschichte über ein Ehepaar, welches nach Außen anders scheint als es eigentlich ist. Das allein wäre jedoch nichts Außergewöhnliches. Spannend sind die beiden Hauptcharaktere, die unterschiedliche Facetten aufweisen, sich teilweise vielleicht sogar etwas ähnlich und abgrundtief böse sind. Der Roman birgt einige Wendungen, die unvorhersehbar sind. Doch auch wenn diese den Leser erst fesseln, reicht es nicht bis zum Schluss. Dieser wiederum ist für mich unbefriedigend, auch wenn er sich möglicherweise durch seine Abgründigkeit an die Figuren anpasst und nur deren Charakter wiederspiegelt.

Die Protagonisten lassen Raum zu Interpretation und Charakterisierung – und sind alles andere als leicht zu fassen. Eine Identifikation ist nicht erwünscht und auch nicht möglich, wirken Nick und Amy abstoßend. Was am Anfang relativ harmlos erscheint, wird am Ende grauenvoll und schrecklich – und passt sich somit dem Genre des Psychothrillers an. Böse ist hier wohl das richtige Wort. Abgrundtief böse.

Die Autorin

Gillian Flynn hat neben Gone Girl. Das perfekte Opfer (2012) unter anderem auch Dark Places. Gefährliche Erinnerung (2014) und Cry Baby (2007) geschrieben. Gone Girl und Dark Places wurden bereits verfilmt.

Wie empfandet ihr Flynns Psycholthriller?

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2 Gedanken zu “G. Flynn: Gone Girl

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