Der Nebel des Südens

Fuerteventura – was kann man da machen? Ich begab mich auf eine kleine Wanderung und entdeckte die versteckte Schönheit der tristen  Insel. 

Wie ein kochender Kessel, dessen Dampf sich langsam seinen Weg über den Rand des Gefäßes bahnt, zeigt er sich vor mir. Etwas mystisch und außergewöhnlich, und dennoch so einzigartig natürlich. Dieses Schauspiel, das sich mich als Zuschauer ausgewählt hat, solch einen, der in der ersten Reihe sitzen darf, ist einfach unglaublich. Doch bis ich diese Faszination mit meiner Kamera einfangen kann, mussten erst einmal ein paar Hügel überwunden werden.

Ein ganz normaler Tag, wie jeder andere auch

Der Morgen ist eigentlich wie jeder andere auch auf der Insel. Die Sonne zeigt ihr breites Grinsen und streicht den Urlaubern, die sich bereits am Strand räkeln, fein über ihre gebräunte Haut. Andere wiederum liegen mit einem Buch in dem hellen Licht am Pool. Meine Schwester und mich interessiert das wenig. Es ist unser letzter Tag auf der Insel und bereits vor Reiseantritt habe ich mir etwas vorgenommen: Ich möchte auf den Pico de la Zarza wandern und die Aussicht genießen. Meine Schwester ist von dem Vorschlag alles andere als begeistert. Die Luft ist warm, die Sonne scheint einen Wettbewerb im Dauergrinsen gewinnen zu wollen und die Aussicht auf ein paar Stunden Auf- und Abstieg sind ihr zuwider. Dennoch möchte sie mich nicht alleine gehen lassen, auch wenn das bedeutet, sich mit einem Rucksack und einer Jacke bewaffnet auf den Weg zu machen.

Gleich hinter unserer Unterkunft liegt die Straße, auf der wir nach oben gehen müssen. Links davon eine Senke, in der ein Hotel gebaut worden ist. Auch wenn es sich Mühe gibt, sich in die ausladenden Arme des Berges einzukuscheln als wäre es ein Teil davon, stören die hellen Bauten das ansonsten braune und grüne Landschaftsbild. Dennoch – die großen Anlagen, die hier am Fuße des Berges liegen, werden noch öfter unser Blickfeld kreuzen.

Der Schock zu Beginn der Reise

Fuerteventura gehört zu den Kanarischen Inseln und ist im Atlantik gelegen. Es ist kein typisches Backpackerziel. Eigentlich gar nicht. Rentner und Familien, Alleinreisende und Anhänger der freien Körperkultur säumen hier die Strände und kleinen Städtchen und Dörfer. Dass es uns hierher verschlagen hat, hängt mit unserem Wunsch nach Erholung und Strand zusammen – und einem Reiseziel, das ich noch nicht besucht habe. Trotz vorheriger Recherche und Bildersuche im Internet war ich beim Anflug auf den Aeropuerto de Fuerteventura geschockt: Die graue Umgebung, die kahl und trist das Landschaftbild bestimmte, zog mich nicht in ihren Bann. Die fehlende grüne Vegetation, die zuerst gar nicht sichtbar war, vermisste ich sofort. Wo waren die Palmen, Büsche und Blumen nur?

Je näher wir mit dem Bus unserer Unterkunft kamen, desto mehr änderte sich mein erstes Bild, das sich schnell in meinem Kopf festgesetzt hatte. Das Grau, das teilweise schon Richtung Schwarz tendierte, wurde in den kleinen Städtchen abgelöst: hier eine Pflanze, dort ein Busch, auf der anderen Seite Palmengewächse, die das Urlaubsfeeling aufkommen ließen. Doch außerhalb der Siedlungen wurde es wieder trist und kahl. Was ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, ist die Tatsache, dass ich Grün brauche und es zu meiner Umgebung dazugehört wie für andere Menschen die Gipfel der Alpen.

Der höchste Gipfel dieser Kanarischen Insel, den wir heute nun erklimmen wollen, liegt auf der Halbinsel Jandía, im Süden von Fuerteventura. Gerade einmal etwa 807 Meter misst er – und dennoch, für uns Anfänger im Gipfelstürmen schon eine kleine Herausforderung.

Von der asphaltierten Straße geht es rechts ab auf einen Schotterweg, der sich – soweit das Auge reicht – wie eine Schlange nach oben krümmt und hinter den Hügeln in der Ferne verschwindet, auftaucht, um dann nur wieder zu verschwinden. Bereits nach kurzer Zeit drehen wir uns um: Der Leuchtturm von Jandía wirkt von hier oben ganz einsam. Unerschrocken. Majestätisch. Und auch irgendwie fehl am Platz. Aber vielleicht sind es auch wieder nur die Hotelanlagen, die sich der Natur zum Trotz ins Bild mischen. Blockweise und kastenartig versprühen sie ihren Charme, selbst die Bäume rundherum wirken wie ein angelegtes Gitter, wie ein Versuch, die Bauwerke besser ins Landschaftsbild zu integrieren. Oder umgekehrt. Dennoch – von hier oben aus wirken sie wie Spielzeugmodelle eines Monopoly-Spiels, dessen Alleinstellungsmerkmal nur der Leuchtturm besitzt. Das Meer, das in diesem Tag ganz ruhig ist, scheint der Partner des weißen Leuchtturms zu sein. Es bietet den perfekten Farbkontrast und lässt den Leuchtturm am Strand von Jandía heller in seinem Weiß erstrahlen.

Fuerte22

Schritt für Schritt nähern wir uns dem nächsten Hügel, um – kaum oben angekommen – den Weg in einiger Entfernung wieder verschwinden zu sehen. Die Steigung ist dennoch minimal, was aufgrund ansteigender Temperaturen nicht gerade ein Grund ist sich zu beschweren. Dennoch, der Gesichtsausdruck meiner Schwester ist weniger als erfreut.

Wir sind fast alleine auf unserer Wanderung, andere Wanderer begegnen uns nicht. Nur eine junge Frau mit ihrer Begleitung, beide in Sportkleidung gehüllt, überholen uns mit schnellem Schritt. Wir hingegen gehen langsam voran. Aufgespart sei die Kraft und Ausdauer, von der wir nicht wissen, wie viel wir davon später  noch benötigen werden.

Nach etwa einem guten Drittel der Strecke, die wir mit immer wieder schweifendem Blick nach links und rechts zurückgelegt haben, bleibt meine Schwester stehen. Ihr Gesichtsausdruck verrät, was nun kommen wird. Sie hat genug und dreht um. Macht nichts, denn mich kann niemand von meinem Vorhaben abbringen und so gehe ich alleine weiter. Aus Gefährten sind zwei einzelne Wanderer geworden.

Braun sind die vor mir liegenden Hügel, fast unspektakulär und unauffällig wirken sie wie der zu lang gewordene Arm eines dicken Tintenfischs. Doch dann – mit einem Mal –  sehe ich ihn: den Dampf, der sich Zentimeter um Zentimeter über einen in der Ferne liegenden Hügel schiebt. Wie ein kochender Kessel wirkt dieses Wolkennebel-Szenario, das ich sofort mit der Kamera festhalten muss.

Fuerte11

Dachte ich, dass die Insel nur Braun und Grau zu bieten hat, muss ich mich nun eines Besseren belehren lassen. Zuerst gibt es immer wieder dunkelgrüne, recht trocken aussehende kleine Büschchen am Wegesrand. Links und rechts vom Pfad wirken sie so, als hätte sie jemand in die Landschaft gestreut. Dazwischen immer wieder kleinere Steinbrocken in der ansonsten braunen Natur. Je höher ich gelange, desto grüner wird es. Grüne, kleine Büsche mit noch kleineren gelben Blüten tauchen neben dem Gestrüpp auf. Es wird steiniger, die Felsbrocken größer. Auf einmal höre ich etwas. Was es ist, kann ich nicht sehen. Mein erster Gedanke gilt Hunden und ein wenig Furcht überkommt mich. Ein solcher Weggefährte würde mir gerade noch fehlen, schließlich gehöre ich in der Hinsicht nicht zu den mutigsten Tierliebhabern. Kurz überlege ich, ob ich umdrehen soll. Doch dann setzte ich mich langsam in Bewegung. Schritt für Schritt, immer weiter, bis ich schließlich entdecke, was das Geräusch verursacht hat. Es sind Ziegen, die hier oben frei herumlaufen. Braun-weiß gefleckte, hellbraune und ein graues mit einem etwas dunkleren Köpfchen. Muttertiere mit ihren Kindern. Wagemutig überqueren sie den Weg oder probieren auf einen der größeren Felsstücke zu klettern. Ich bin erleichtert. Ein Hund ist weit und breit nicht zu sehen.

Fuerte20

Stattdessen werden die Furchen des links von mir gelegenen Bergarms immer länger. Diese scheinbar durch Erosion entstandenen Rillen verzieren das Hoch und bilden ein angenehmes Muster auf der Oberfläche der Erhebungen.

Das Meer liegt mittlerweile weit hinter mir. Vor mir erhebt sich der Berg, der von Nebelschwaden immer noch eingehüllt ist und den Weg in der Ferne verschlingt. Kein Mensch ist zu sehen, und so setzte ich meinen Weg fort, der immer unebener und steiler wird. Irgendwann besteht er nur noch aus größeren und kleineren Steinblöcken, die einen langsamer werden lassen. Doch das macht nichts, ich habe es nicht eilig.

Immer wieder bleibe ich stehen und drehe mich um, mache Bilder von dieser doch so faszinierenden Umgebung. Die Ausläufer der Berge erstrecken sich fast bis an den Strand. Das Meer geht – so scheint es von hier oben – direkt in den Himmel am Horizont über. Die beiden bilden eine perfekte Symbiose. Bevor ich das letzte Stück erreiche muss ich durch ein Gatter gehen, das die Ziegen davon abhält, bis auf den Gipfel zu steigen. Links von mir stehen ein paar Menschen, die die Einzäunung erneuern. Ich nicke grüßend und bahne mir meinen Weg nach oben. Und dann liegt er vor mir: der Gipfel. Die beiden jungen Leute sitzen bereits quatschend oben und ruhen sich aus. Ich suche mir eine Stelle etwas abseits und nehme den Rucksack ab. Um mich herum herrscht dichter Nebel. Wolkennebel. Eigentlich hatte ich gehofft einen Blick auf den Playa de Cofete werfen zu können. Aufgrund von Strömungen sollte man dort zwar nicht baden gehen, aber gerne würde ich ihn mir von hier oben einmal ansehen. Doch die Schwaden wirken wie eine Mauer, die keinen einzigen Blick zulässt.

Fuerte14

Allerdings lassen die leichteren Wolkenschwaden ab und zu einen Blick in die Richtung zu, aus der ich gekommen bin. Weit weg und klein wie in einem Miniaturwunderland wirkt der Strand bei Costa Calma, den man am Horizont erblicken kann. Dort wird gerne gesurft und Wassersportarten nachgegangen. Von hier oben ist jedoch nur leicht der Strand auszumachen.

Mittlerweile ist noch ein anderes Pärchen mittleren Alters auf dem Gipfel angekommen. Auch sie scheinen etwas enttäuscht von der mangelnden Aussicht. Ich beschließe noch kurz zu verschnaufen und dann den Abstieg zu wagen.

Aus Angst abzurutschen geht es nur recht langsam voran. Um zu vermeiden, auf dem Geröll den Halt zu verlieren, achte ich genau auf meinen Tritt. Irgendwann überholen mich die beiden jungen Leute, die schon beim Aufstieg schneller waren als meine Schwester und ich. Die junge Frau sagt, dass wir doch vorhin zu zweit gewesen seien. Ich bejahe und teile ihnen mit, dass meine Schwester schon umgedreht sei. Nach weiterem Nachfragen erzählt mir die Blondhaarige, dass ihr Weggefährte und sie für einige Zeit auf der Insel in einem Hotel arbeiten, im Sportbereich. Das erklärt mir nun auch die Ausdauer der beiden, wie sie scheinbar furchtlos den Weg meistern. Schnell verabschieden sie sich, sind sie doch um einiges schneller zu Fuß unterwegs als ich. Kurze Zeit später sehe ich, dass sie anfangen zu joggen.

Ist Schönheit objektiv?

Andere Wanderer kommen mir nun entgegen, typische Touristen, deren Schuhwerk ich manchmal bedenklich finde. Ein Mountainbiker bahnt sich ebenfalls seinen Weg nach oben. Wieder vorbei an den Ziegen, den grünen Büschen und den größeren Steinbrocken. Wieder den Blick nach rechts und nach links schweifend in der immer kahler werdenden Landschaft, die mich am Anfang nur schockiert hat. Doch habe ich gelernt, dass man auch bei dieser Insel einen zweiten Blick riskieren sollte. Schönheit liegt zwar im Auge des Betrachters, doch muss dieses erst einmal die Außergewöhnlichkeit und das Faszinierende entdecken, bevor es entscheiden kann, ob das Wahrgenommene schön oder eben nicht schön ist. Fuerteventura hat zumindest gezeigt, dass hinter seiner zuerst dunkel und trist wirkenden Fassade kleine Schönheiten stecken, die das Landschaftsbild dort außergewöhnlich machen. Wie bei einem Menschen, dessen von Falten zerfurchtes Gesicht mit strahlenden und blitzenden Augen erhellt wird. Es sind die kleinen Dinge, die es zu entdecken gibt und die es lohnen, vor einer abschließenden Meinung verinnerlicht zu werden. Denn somit, so scheint es mir, liegt immer eine gewisse Schönheit im Auge eines Betrachters.

 

Einen weiteren Bericht findet ihr hier.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s